DIE LINKE
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Matthias W. Birkwald

Der Armutsbericht 2019, eine grobschlächtige Vierteilung des Landes und eine klaffende offene Wunde, die größer wird: Altersarmut!

Prof. Dr. Stefan Sell zur aktuellen Sozialpolitik

02.01.2020
Prof. Dr. Stefan Sell

Alle Jahre wieder veröffentlicht der Paritätische Wohlfahrtsverband seinen Armutsbericht.

Der für 2019 beginnt mit durchaus erfreulichen Nachrichten: »Im Jahr 2018 waren 15,5 Prozent der Menschen in Deutschland von Armut betroffen. Im Vergleich zu 2017 sank die Armutsquote damit um 0,3 Prozentpunkte.

Für Hunderttausende bedeutete dieser prozentual kleine Rückgang einen Fortschritt: 210.000 Menschen weniger als noch im Vorjahr mussten rechnerisch unterhalb der Armutsgrenze leben.«

Aber dabei bleibt der neue Bericht nicht stehen: »Jahre schien es so, als würde die Armutsgrenze zwischen Ost und West verlaufen. Jetzt hat der Paritätische Wohlfahrtsverband auch im Westen Problemzonen identifiziert«, so versucht es dieser Artikel zusammenzufassen: Wohlfahrtsverband sieht Deutschland viergeteilt. »Den „wohlhabenden“ Ländern Bayern und Baden-Württemberg mit einer Armutsquote von zusammen 11,8 Prozent, stünden Nordrhein-Westfalen und der Osten mit rund 18 Prozent gegenüber. Dazwischen lägen die weiteren Regionen Westdeutschlands mit einer Armutsquote von zusammen knapp 16 Prozent.«

Aber die Unterteilung des Landes auf der Ebene der Bundesländer in vier Blöcke erscheint doch mehr als grobschlächtig. Das wird besonders deutlich, wenn man sich anschaut, welche Unterschiede innerhalb der einzelnen Bundesländer beobachtbar und wie auseinanderlaufend zuweilen die Entwicklungen zwischen den Regionen innerhalb eines Bundeslandes sind.

Da ist der Blick auf einzelne Personengruppe und vor allem der diese unterschiedlich treffenden Entwicklung der Armutsgefährdung hilfreicher. »Erstmalig ging auch die Armutsquote unter Menschen mit nicht deutscher Staatsangehörigkeit, die seit 2012 stark angestiegen war, deutlich und im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sogar überdurchschnittlich zurück. Das Gleiche gilt für Menschen mit Migrationshintergrund generell«, berichtet der Paritätische. Die seit einigen Jahren zu beobachtende Scherenentwicklung, wonach die Armut unter deutschen Staatsbürgen und Einwohnern ohne Migrationshintergrund sank, während sie bei Ausländern und Menschen mit Migrationshintergrund anstieg, hat sich im Jahr 2018 nicht fortgesetzt.

In diesem Beitrag soll aber auf eine ganz besonders auffällige Entwicklung hingewiesen werden, die einem erhebliche Sorgen bereiten sollte: die Dynamik der Altersarmut.

Auf den ersten flüchtigen Blick kann man immer noch (scheinbar) sagen, dass Altersarmut im Vergleich zur Armutsgefährdungsquote insgesamt eher unterdurchschnittlich dimensioniert ist, denn im vergangenen Jahr lag die Quote insgesamt bei 15,5 Prozent, die für die 65 Jahre und älteren Menschen leicht darunter: 14,7 Prozent.

Betrachtet man hingegen die Entwicklung seit dem Jahr 2005, dann erkennt man, dass die Lücke zwischen der Quote insgesamt und der für die Älteren zu schließen beginnt. Nun wird die Diskussion über eine (zunehmende) Altersarmut vor allem mit Blick auf die Menschen geführt, die nur oder fast ausschließlich von der gesetzlichen Rente leben müssen, denen also die Aufstockung über andere Einkommensquellen im Alter weitgehend fehlen. Unter den 65 Jahre und Älteren gibt es aber nun auch viele andere Fallkonstellationen, so beispielsweise die Selbstständigen.

Die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder weisen in ihrer Sozialberichterstattung auch die Gruppe der „Rentner/Pensionäre“ aus. Wenn man die ergänzend berücksichtigt, dann zeigt ein Vergleich der Dynamik der vergangenen zehn Jahre diesen Befund:

Man sieht: Die Zuwachsraten waren bei den Älteren und darunter den Rentnern/Pensionären besonders hoch im Vergleich zu den anderen Altersgruppen. 

Und wie hier in zahlreichen Beiträgen zum Thema Altersarmut immer wieder ausgeführt: der richtig große Anstieg der Armutsgefährdungsquoten wird erst noch in den kommenden Jahren auf uns zukommen.

Übrigens ist das nun keineswegs ein Naturgesetz, dass die Altersarmut weiter ansteigen muss. An dieser Stelle auch, aber nicht nur aufgrund der aktuellen Proteste in Frankreich gegen eine geplante Rentenreform der Blick auf die Unterschiede bei der Armutsgefährdung zwischen beiden Nachbarstaaten – für Deutschland wird auf der Grundlage von EU-SILC-Daten für 2018 ein Wert von 18,2 Prozent ausgewiesen, für Frankreich sind es lediglich 8,3 Prozent:

Quelle: BIAJ (2019): Frankreich-Deutschland-Vergleich der „Armutsgefährdungsquoten älterer Personen“

Und hier der neue Armutsbericht des Paritätischen im Original:

➔ Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband (2019): 30 Jahre Mauerfall – Ein viergeteiltes Deutschland. Der Paritätische Armutsbericht 2019, Berlin, Dezember 2019

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