23.03.2018

Die Rentenerhöhung ist gut und richtig, aber kein Grund zum Jubeln

ein junge Welt - Kommentar von Matthias W. Birkwald

Tageszeitung junge Welt
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Für die mehr als 20 Millionen Rentnerinnen und Rentner in Deutschland werden die Altersbezüge im Juli um gut drei Prozent steigen, in Ost (3,4) und West (3,2). Bei einer Bruttorente von 1.000 Euro sind das rund 33 Euro mehr im Monat. Die Rente folgt damit - wie jedes Jahr - im Kern der Entwicklung der Löhne.

Aber trotzdem werden die meisten Rentnerinnen und Rentner jetzt nicht jubeln, sondern genau hinschauen, was am Ende bei ihnen im Geldbeutel ankommt. Denn mit jeder Rentenerhöhung rutschen immer mehr Seniorinnen und Senioren in die Steuerpflicht. 2018 werden es schon 4,4 Millionen und damit knapp ein Viertel sein. Außerdem erreichen wir in diesem Jahr den Punkt, an dem Renten, die unterhalb der Armutsschwelle liegen (EU-SILC: 1064 Euro netto bei Singles), besteuert werden.

Und der Jubel wird sich auch in Grenzen halten, da die Zeit der geringen Preissteigerungen vorbei ist. Von der Rentenerhöhung bleibt bei einer Inflationsrate von 1,7 Prozent, die die Forschungsinstitute für 2018 und 2019 voraussagen, nur rund die Hälfte im Geldbeutel übrig. Aus 33 Euro mehr werden dann schnell fünfzehn Euro. Davon kann man keine Mieterhöhung und auch nicht die Zuzahlung für ein neues Medikament bezahlen, geschweige denn die kaputte Waschmaschine austauschen!

Der neue Sozialminister Hubertus Heil darf also trotz der alljährlichen Rentenerhöhungen nicht die Augen vor wachsender Altersarmut und den alltäglichen Sorgen und Nöten der heutigen und zukünftigen Rentnerinnen und Rentner verschließen. Sie sind der Maßstab, an dem sich Politik - und vor allem sozialdemokratische Politik - messen lassen muss.

Das von der SPD gegen die Union ‚durchgesetzte‘ Einfrieren des Rentenniveaus bei 48 Prozent markiert so gesehen eine Kehrtwende nach jahrelangen Kürzungen, wird aber real keiner Rentnerin und keinem Rentner auch nur einen Euro mehr Rente bringen. Deshalb ist es an der LINKEN, weiter für die Rückkehr zu einem lebensstandardsichernden Rentenniveau von 53 Prozent zu streiten, wie es im Jahr 2000 galt, bevor Gerhard Schröder und Joschka Fischer die gesetzliche Rente auf dem Altar der Maschmeyerschen Drückerkolonnen verscherbelten.

Eine Wiederanhebung des Rentenniveaus auf 53 Prozent (wie im Jahr 2000) würde nämlich einer Standardrentnerin nach 45 Jahren Arbeit zum Durchschnittslohn 139 Euro mehr an Rente bringen und zwar jeden Monat!

Das ist auch finanzierbar, denn ein Durchschnittsverdiener und seine Arbeitgeberin müssten dafür derzeit jeweils 32 Euro mehr monatlich in die Rentenkasse einzahlen.

Und auch im Jahr 2030 wäre es für die Beschäftigten deutlich weniger, als sie unterm Strich an Beiträgen im sogenannten „Drei-Säulen-Modell“ für ihre gesetzliche Rente, ihren Riestervertrag und ihre betriebliche Altersvorsorge oder (-versorgung) aufbringen müssten, um ihren Lebensstandard im Alter zu sichern.

Dieser Ausbau und diese langfristige Stärkung der gesetzlichen Rente ist auch deshalb dringlicher denn je, da das von SPD und Union seit Jahren propagierte Drei-Säulenmodell aus gesetzlicher, betrieblicher und Riesterrente vor dem Kollaps steht. Alleine in dieser Woche überschlugen sich die Meldungen: Immer mehr Versicherungskonzerne verramschen millionenfach ihre eigentlich noch gut verzinsten Altbestände mit Lebensversicherungen an dubiose Investoren und es wurde bekannt, dass in den vergangenen Jahren hunderttausende Betriebsrentenansprüche gekürzt wurden.

Hubertus Heil hält aber weiter an der Riesterrente fest und setzt weiter auf die ruinöse Entgeltumwandlung oder die Zielrente, sprich: Pokerrente. Nein, solange die Sozialdemokratie und ihr Sozialminister die Alterssicherung nicht aus dieser Umklammerung der Versicherungskonzerne und der Aktienmärkte löst, wird sie bei den Beschäftigten und damit bei den Rentnerinnen und Rentnern von morgen kein Vertrauen zurück gewinnen. Das aber wäre dringend nötig. Darum müssen wir nach dem guten Vorbild Österreichs eine Erwerbstätigenversicherung schaffen und die Gesetzliche Rentenversicherung so stärken, dass die Renten deutlich steigen könnten.

Der Kommentar von Matthias W. Birkwald ist am 23. März in der jungen Welt unter dem Titel "Vielleicht fünfzehn Euro mehr - Rentensteigerung wird von Inflation zunichte gemacht" erschienen und hier nachzulesen.